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Copyright: Dieter H. Steinmetz

 

7. Abschnitt: 1870/71 bis 1914 (Calbe im Zeitalter des Deutschen Kaiserreiches bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges)

Wir betrachten nun eine Zeit großen Jubels und nationalen Stolzes, aber auch des Ringens der ständig zunehmenden Masse der Industrie-Arbeiter um Mitspracherechte.

Die schon lange überfällige Einigung der deutschen Gebiete ging nicht auf demokratischem Wege, sondern im Gefolge dreier Kriege unter Führung Preußens als eine „von oben“ verordnete Umwälzung vor sich. Der Sozialdemokrat August Bebel sagte 1871 dem neuen Reich geradezu prophetisch den militärischen Untergang voraus, weil Staatsgebilde, die durch Gewalt entstehen, auch durch Gewalt wieder verschwinden.

"Das durch 'Blut und Eisen' mühsam zusammengeschweißte 'Reich' ist kein Boden für die bürgerliche Freiheit, geschweige für die soziale Gleichheit! Staaten werden mit den Mitteln erhalten, durch die sie gegründet wurden. Der Säbel stand als Geburtshelfer dem 'Reich' zur Seite, der Säbel wird es ins Grab begleiten!"

Und wahrhaftig: Die deutsche Monarchie ging 1918 am Ende des Ersten und das Deutsche Reich 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg unter.

 

Wenn auch das Deutsche Kaiserreich nicht den demokratischen Intentionen der unteren Bevölkerungskreise entsprach, so brachte es doch einen bedeutenden, in erster Linie ökonomischen Fortschrittsschub für die unter preußischer Führung vereinten deutschen Gebiete. 

Die Zeit zwischen 1870/71 und 1914 war für die preußische Kreisstadt Calbe ebenso wie für alle deutschen Städte und Gemeinden eine Epoche großen wirtschaftlich-technischen und kulturellen Aufschwungs..

1870/71 fand der dritte der Reichseinigungskriege statt, der von Bismarck gewollt war und der Frankreich weiter schwächen sowie die Rolle Preußens in Europa und dem entstehenden Deutschen Reich entscheidend stärken sollte. Die von Juli bis Januar dauernden Kriegshandlungen endeten mit einem Sieg der technisch und strategisch überlegenen Truppen der verbündeten deutschen Staaten. Die Demütigung der französischen Nation durch die üppigen deutschen Reparationsforderungen und durch die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches in Versailles schuf den Nährboden für spätere französische Revanche-Bestrebungen (s. Abschn. 8).

„Der Stadt- und Landbote“, ehemals „Calbesches Kreisblatt“, inzwischen zweimal wöchentlich erscheinend, berichtete 1870/71 nicht nur ausführlich über den Verlauf des Krieges gegen Frankreich, sondern auch über die politische und soziale Situation in Frankreich selbst. Als Zeitung für das kleinstädtische Bürgertum war sie voll hämischer Freude über die Niederschlagung der „Commune von Paris“, des ersten Versuchs einer demokratischen Verfassung für die unteren Bevölkerungsschichten (vgl. „Der Stadt- und Landbote“ - im folgenden: SLB - vom 3. 6. 1871).

11 Männer aus Calbe waren im fremden Land an Maas, Loire und Rhone gefallen (vgl. Reccius, Chronik, S. 92). (Im Deutschen Krieg zwischen Preußen und Österreich 1866 hatten 8 Soldaten aus Calbe ihr Leben lassen müssen.) Dutzende hatten Verwundungen und Verstümmelungen davongetragen und wurden 1870/71 u. a. in Calbe im Lazarett versorgt, welches vom Oberamtmann Fischer im Schloss auf eigene Kosten eingerichtet worden war.

Obwohl die Kriegshandlungen schon im Januar 1871 beendet waren, blieben die deutschen Soldaten noch einige Wochen als Besatzungsmacht in Frankreich. Der „Bericht über die Feier der Annahme des Kaisertitels seitens unseres Königs“ in Versailles am 18. 1. 1871 fiel im Stadt- und Landboten recht nüchtern und spärlich aus (vgl. SLB vom 28. 1. 1871). Diese betont zurückhaltende Sachlichkeit war wohl auf die liberale Haltung der Redakteure und auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Kaiserproklamation fern der deutschen Heimat und unter Ausschluss der parlamentarischen Spitzenvertreter des Bürgertums stattfand. Mit knapp 3 Zeilen in der Spalte wurde vermerkt, dass Graf Bismarck seit dem 21.Januar statt des bisherigen Titels „Bundeskanzler“ den Titel „Reichskanzler“ führte (vgl. ebenda). Mit dieser kryptischen Gründung des Deutschen Kaiserreiches von oben herab konnten die Calbenser zunächst noch wenig anfangen, auch wenn aus Berlin großer Jubel über die Kaiser- und Reichsproklamation gemeldet wurde (vgl. „Patriotisches Volksblatt“, im folgenden: PVB, vom 28. 1. 1871).

Die Bürger Calbes warteten nun auf die Rückkehr ihrer siegreichen Soldaten, und erst dann fand die „Sieges- und Friedensfeier“ statt, immerhin mit fast einem halben Jahr Verspätung. Während der Zeit des Wartens heizten die Calbeschen Geschäftsleute die Stimmung mit dem Verkauf von Fahnen, Fähnchen, Girlanden, Kerzen, Fackeln, Feuerwerkskörpern, Kaiser-Bildern, Kriegschroniken, Friedensbier und anderen patriotischen Artikeln sowie mit der Schaustellung von Schlachten-Diaramen an.

Bei Rückkehr der ersten regionalen Landwehr-Verbände im März und anlässlich des Geburtstages des neuen Kaisers, den „eine einige, starke und selbstbewußte Nation zum ersten Male“ am 22. 3. feierte, gab Oberamtmann Fischer ein Festessen für die in seinem Schloss-Lazarett einquartierten Verwundeten. Der Kaisergeburtstag bot schon einen Vorgeschmack auf die für den Sommer geplante Friedensfeier. Calbe prangte im Fahnenschmuck, Schulkinder sangen, Reden wurden gehalten, und in der Freimaurer-Loge in der Poststraße (heute: August-Bebel-Straße) fand ein Festdiner statt (vgl. SLB vom 25. 3. 1871).

Bezeichnenderweise siegte bei den Wahlen zum Reichstag, die erstmals in Deutschland auf der Basis eines gleichen und direkten Wahlrechts mit geheimer Abstimmung für alle Männer stattfanden, die das 25. Lebensjahr vollendet hatten, im Wahlkreis Calbe-Aschersleben der Kandidat der Konservativen, der Gutsbesitzer und Amtsrat Dietze aus Barby mit 5.416 Stimmen, während u. a. der Kandidat der Sozialdemokraten, der Drechsler August Bebel aus Leipzig, (vorerst) nur eine Stimme bekam. Von 10.068 abgegebenen Stimmen war das die absolute Mehrheit für den konservativen Reichstagskandidaten (vgl. PVB vom 11. 3. 1871). Die verhältnismäßig geringe Stimmenzahl für einen so großen Wahlkreis kann man wohl nur aus der Tatsache erklären, dass viele Männer aus den Unterschichten von dem nun auch für sie geltenden gleichen und geheimen Wahlrecht nichts gehört hatten bzw. an politische Mitsprache nicht gewöhnt waren.

Der ehemalige linksliberale Arzt Dr. Wilhelm Loewe, der nach der Niederlage der Revolution 1848/49 in die USA fliehen musste und nach der Amnestie 1861 nach Deutschland zurückgekehrt war, kam über einen anderen Wahlkreis in den Reichstag, dessen Abgeordneter und Alterspräsident er bis 1881 blieb. Der „Achtundvierziger“, der sich im Alter immer mehr den Positionen Bismarcks angenähert hatte, starb 1886 in Meran in Südtirol (vgl. Abschn. 6).

Im Mai 1871 befanden sich weitere heimatliche Truppen auf dem Rückmarsch (vgl. SLB vom 20. 5. 1871).

Vor dem großen Friedensfest fanden in Calbe noch zwei vorbereitende Feierlichkeiten statt, zuerst die „Provinzial-Liedertafel“ mit Gesangvereinen aus Berlin, Magdeburg  und anderen Städten am 3. und 4. Juni 1871. Die Gäste wurden von Calbeschen Familien aufgenommen und untergebracht, ganz Calbe war patriotisch geschmückt. Am 11. Juni feierten die Calbenser das „25jährige Stiftungsfest des hiesigen Landwehrvereins“. Die von den „Frauen und Jungfrauen“ Calbes erstellte neue Fahne wurde auf dem Marktplatz geweiht. Der anschließende Umzug führte zum „Bürgergarten“, Konzert und Ball folgten (vgl. SLB vom 27. 5. 1871).

Wo sich heute der Springbrunnen befindet, stand seit Ende des 19.Jahrhunderts das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. und die 1863-1871 gefallenen Calbeschen Krieger (nach Hertel, Geschichte…, a. a. O.)

 

Am 9. 7. 1871 feierte die Stadt Calbe dann das Fest zu Ehren der siegreich heimgekehrten Kriegsteilnehmer und des Friedens.  Am Vorabend war auf der Wunderburg, einem alten Kultplatz (heute das Gelände „Am Weinberg“), nach Glockengeläut und Zapfenstreich ein Feuerwerk abgebrannt worden. Am Festtag stellten sich die Teilnehmer des Umzuges um 15 Uhr auf dem Marktplatz vor dem Rathaus und der davor aufgebauten Tribüne auf. An der Spitze des Zuges marschierten die älteren Schülerinnen und Schüler, danach folgte das Musikkorps, hinter diesem die Veteranen der vorangegangenen Kriege. Dann schlossen sich die vom Calbeschen Landwehrverein eskortierten Soldaten des Deutsch-Französischen Krieges aus Calbe an. Als nächste marschierten die Beamten und Angestellten der Stadt, der beiden Vorstädte und der Domänen sowie die Geistlichen und Lehrer. In diesem Block fanden sich auch alle Einwohner ein, die nicht an eine Vereinigung gebunden waren, aber mitmarschieren wollten. Danach folgte eine lange Reihe von Gewerken und Verbänden (Zimmerer, Dachdecker, Maurer, Böttcher, Stellmacher, Tischler, Bergarbeiter, Schneider, Schuhmacher, Tuchmacher, Müller, Bäcker, Ziegelei- und Zuckerfabrik-Arbeiter; Vereine der Turner, Schützen, Sänger, Handwerker, vereinigten Gewerke sowie der Landwehr). Der lange Zug bewegte sich nach dem gemeinsamen Gesang aller Sängervereine in Sechser-Reihen durch die Schlossstraße und bis zum Ende der Schlossvorstadt (bis in die Barbyer Straße), kehrte um und durchzog nahezu alle Straßen in der Stadt. Dann kam die Südseite dran: In der Bernburger Vorstadt ging es bis zum „Goldenen Engel“ (später Roland-Gaststätte), und nach einer Wendebewegung kam der Zug durch Neustadt, Breite und Querstraße zurück zum Markt, wo sich alle Teilnehmer wieder wie vor dem Abmarsch aufstellten. Zum Abschluss wurde „Die Wacht am Rhein“ gesungen und ein Hoch auf Seine Majestät den Kaiser und König ausgebracht. Ein Festessen und Ball mit den Honoratioren der Stadt, den hoch geehrten Kriegsrückkehrern zusammen mit ihren Verwandten, Bräuten und Ehefrauen sowie mit den Veteranen und mit ausgewählten Einwohnern fand in fünf Lokalen statt, die mit Tanzsälen ausgestattet waren (vgl. SLB vom 1. 7. 1871 und Reccius, S. 92).

Am 1. September 1871 fand zum ersten Mal in Calbe im Hohendorfer Busch unterhalb der Wunderburg die jährliche Feier zum Gedenken an die für die Deutschen siegreiche und kriegsentscheidende Schlacht bei Sedan statt. Die Sedanfeiern wurden fester Bestandteil des deutschen Gedenktagekatalogs und erst in der Ostzone bzw. der DDR abgeschafft, gleichzeitig aber durch den „Weltfriedenstag“ ersetzt. Die Calbeschen Schulkinder machten am Vormittag des Sedanfestes auf der Wiese des Hohendorfer Busches fröhliche Kinderspiele. Die Erwachsenen vergnügten sich nachmittags und abends dort im Süden vor der Stadt und in den nahe gelegenen Gaststätten (vgl. Abschnitt 6). Konzerte wurden dargeboten, und  Gesangvereine traten auf (vgl. SLB vom 6. 9. 1871).

 

Die Vereinheitlichung der ökonomischen Strukturen und die hohen französischen Reparationsleistungen führten zu einem enormen Wirtschaftsaufschwung im Deutschen Reich, allgemein die „Gründerzeit“ genannt.

Die zweite Etappe der industriellen Revolution konnte nun voll einsetzen. Ballungszentren der Schwerindustrie, unter anderen auch in der nahe gelegenen preußischen Provinzhauptstadt Magdeburg, entstanden, und in der Leichtindustrie kam es durch Anwendung von immer mehr und effizienteren Maschinen zur Spezialisierung.

Im neuen Kaiserreich setzte sich beim Gründerzeit-Bürgertum die Plüschmode durch, die sich noch weit bis ins 20. Jahrhundert hielt. Sofas, Stühle, Decken, Kissen, Fenstervorhänge, Lampenschirme, Kleidung u. v. a. wurden mit den wohlig-weichen Oberflächen überzogen. Um 1870 hatte der Tuch-Unternehmer G. H. Hundt die Zeichen der Zeit erkannt und am Calbeschen Saaleufer gegenüber dem Fabrikgassenausgang eine Plüschfabrik errichtet, wo der sehr begehrte Stoff aus Kälberhaaren hergestellt wurde (vgl. Dietrich, Unsere Heimat, a. a. O., S. 44 f.). Am Südende des Verschönerungsweges lag die Tuchwaren-Fabrik von Grienke, in der neben den üblichen Friesen nun auch Flanelle hergestellt wurden (vgl. ebenda).

Auch in der Stadt selbst siedelten sich, oft zum Leidwesen der alteingesessenen Calbenser, immer mehr expandierende Tuchfabriken mit unansehnlichen, hohen Schornsteinen an. Die neue Schicht der Calbeschen Fabrikbesitzer rekrutierte sich vorwiegend aus Magdeburger Kaufleuten, die genügend Kapital zur Verfügung hatten und nun auf das „Pferd“ der Tuchfabriken setzten, in denen Dampfmaschinen mit immer größerer PS-Zahl und immer modernere Spinn-, Web- und Walk-Maschinen standen. Das betraf besonders das alte historische Viertel der Ritterstraße, Kuh-, Enten- und Lampengasse sowie der Breite. In diesem Karree  etablierten sich die Fabrikbesitzer Rust, Raschke, Schotte, Grobe, Böcker, Capelle, Grohlich, Dingel u. a. Es handelte sich in erster Linie um Wolltuchfabrikation und Tuchfärberei, Baumwolle wurde nur marginal verarbeitet.

Schon 1855 waren etwa 20 Fabrikschornsteine über Calbe zu sehen( nach: Heimatstube-Archiv)

 

Auf Bildern aus jener Zeit ist eine Vielzahl von hässlich aufragenden Fabrikschornsteinen über Calbe wahrzunehmen (s. Abb. oben). Ausgebreitete weiße Tücher waren in kurzer Zeit von den niedergehenden Rußpartikeln grau-schwarz gefärbt, Augen und Atemwege wurden gereizt. Bei inversiven Wetterlagen breitete sich damals schon tagelang ein kohlendioxidhaltiger „Smog“-Deckel über Calbe aus (vgl. Rocke, a. a. O., S. 67)

Lärm und rußiger Qualm führten so sehr zur Belästigung der anwohnenden Bürger-, meist Handwerker-Familien, dass es Beschwerden und in einigen Fällen sogar gerichtliche Verfahren gab, die aber alle kaum die Missstände abschaffen konnten (vgl. Acta der... Die auf dem Gehöfte des Kaufmann Gustav Grobe... a. a. O.). In dem genannten Viertel kann man heute noch einige Reste der vielfach schon abgerissenen Fabriken aus der Gründerzeit sehen. Zu Beginn dieses industriellen Booms wurden nach Schätzung des Heimatforschers G. M. Rocke für etwa 1 Million Taler Tuchballen in Calbe jährlich produziert, die größtenteils im Kaiserreich selbst Absatz fanden (vgl. Rocke, S. 60). Demnach hätte sich nach dieser Schätzung durch die Industrialisierung hier die Produktion innerhalb von 30 Jahren etwa vervierfacht.

 

Seit den 1830er Jahren war aus der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Saalemühle durch die Initiative und den Geschäftssinn des Magdeburger Kaufmanns Johann Christian Brückner eine immer weiter expandierende Papier- und Getreide-Mahl-Fabrik geworden, die bald zu den größten Industrie-Unternehmen Calbes und der Umgegend zählte (vgl. Abschnitt 6). Der Fabrikant Brückner  kooperierte mit den neu erbauten Zuckerfabriken der Stadt und stellte große Mengen blauen Packpapiers zum Einwickeln der frisch produzierten Zuckerhüte her. Obwohl sich die Achardsche Methode der Zuckergewinnung aus der Runkelrübe schon durchgesetzt hatte, wollte man die Herkunft des Zuckers mehr oder weniger "verschleiern" und bot ihn den Käufern noch in der exotischen Form des Zuckerhutes an. Später unter Johann Franz Brückner, dem Sohn, stellte die Fabrik am Mühlgraben Papier für den steigenden Bedarf an Buch- und Presseerzeugnissen her. Nach 1870 produzierte man in der Brücknerschen Papierfabrik vorwiegend Packpapier und Kartons, 1878 waren es schon 1370 Tonnen Packpapier.

Zeichnung des Bau-Unternehmers Anton Brasack von 1877 zu den Anlagen der Schloss-Domäne mit Kuh-, Ochsen-, Schaf-, Schweine- und Pferdeställen, Eiskeller, Molkerei, Getreidespeichern, Schmiede, Stellmacherei und Tischlerei, Spiritus- und Zuckerfabrik, Brauhaus, Kalkofen, Schrotmühle und mehreren Dampfmaschinenhäusern außer dem eigentlichen Schloss, das teilweise als „herrschaftliches“ Wohngebäude für den Königlichen Domänenpächter Albert Burchardt und als Reformierte Kirche diente (nach: Heimatstube-Archiv) – Eine ähnlich ausgestattete Domänen-Anlage gab es jenseits der Saale auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Gottesgnaden.

 

Um 1900 bestand die Brücknersche Mühle aus zwei Teilen, der Getreidemühle links des Mühlgrabens und der Papierfabrik auf der anderen Seite. In der industriellen Getreidemühle wurden in großem Umfange auch Graupen hergestellt. Beide Fabrikteile wurden durch Wasserturbinen angetrieben, die seit 1885 die alten Mühlenräder ersetzten. Bei Hochwasser hielt eine Dampfmaschine alle Aggregate in Betrieb. Ende des 19. Jahrhunderts ließ Brückner einen großen Kornspeicher neben der Getreidemühle errichten.

In der Papierfabrik wurden Schreibpapier, Postkarten, postalische und andere amtliche Formulare, Packpapier usw., ja, sogar Fotopapier, damals ein Novum, hergestellt.

Zuckerfabrik in der Nienburger Straße um 1900 (nach: Heimatstube-Archiv)

Das Zuckerfabrik-Gebäude 2003

 

Der Rohstoff für die Papierherstellung bestand zum größten Teil aus Lumpen. In einem ersten Arbeitsgang wurden diese gesäubert und nach weißen und farbigen Anteilen getrennt. Eine Maschine zerstückelte die Fetzen in kleine Teilchen, kochte und verrührte alles unter Zusatz von Ätzkalk und Soda zu einem Brei. Danach wurde ein geringer Anteil an Holzfasern hinzu gegeben und alles unter Beimengung von Leim in großen Mahl- und Rührbottichen, den Holländern, in ständig kreisender Bewegung gehalten. Der so genannte Halbstoff wurde anschließend langsam und kontinuierlich verdünnt und auf einer Bahn zur Papiermaschine geschickt. Hier gaben Pressen, Walzen und Trockenzylinder der Masse Festigkeit, Kalander glätteten die Oberfläche, und schließlich wurde das Papier auf große Rollen gewickelt, durch eine Schneidemaschine zu Bogen zerschnitten und zum Schluss je nach Verwendungszweck bedruckt (vgl. Dietrich, Unsere Heimat, S. 49).

 

Die ehemalige Kriebel’sche "Dampf"-Brauerei (Aufn. von 2003)

Als weitere leichtindustrielle Unternehmen existierten um 1875 zwei Zuckerfabriken, eine Gipsfabrik im Süden vor der Stadt, Brauereien, Spiritus-Brennereien, Zigarrenmanufakturen, Ziegeleien, eine Brikettfabrik und eine Gasanstalt. Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts so zahlreichen Zichorienmanufakturen (Darren) wurden seltener (vgl. Rocke, ebenda).

Ein Teil dieser meist landwirtschaftlichen Industriezweige hatte sich auf den Anlagen des ehemaligen Schlosses und des Klosters, dem Domänengelände (s. Abb. oben), angesiedelt.

1894 errichtete der Gastwirt des Felsenkellers zur Wunderburg (s. Abschn. 6 und Abb. rechts) eine dampfmaschinenbetriebene Brauerei. Bei den Ausschachtungsarbeiten dazu stieß man auf  starke Mauern, die zum Herrenhaus oder zur Kirche von Hohendorf gehört haben müssen.

Ehemalige Ziegelei von Tippelskirchen

Der Gründerzeit-Bau-Boom und die zu jener Zeit in Mode gekommene Backstein-Bauweise ließen am Rande der Stadt Ziegeleien mit industriellen Fertigungsmethoden entstehen. Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Ziegelmanufaktur und Kalkbrennerei auf dem vorstädtischen Anger neben dem Schloss blieb vorerst noch bestehen, sie machte aber in den nächsten Jahren einer großen Müll- und Aschegrube Platz. Eine recht umfangreiche Ziegelei  mit moderner Ausrüstung war an der Nordseite der Ecke Salzer und Magdeburger Straße errichtet worden. Zwei Ziegeleien befanden sich im Süden vor der Stadt in der Nähe des Hohendorfer Saalebogens, in Tippelskirchen und an den „Kietzker Brücken“ (heute: „Norderney“) (vgl. Dietrich, Heimat, a. a. O., S. 60).

1910 wurde die Gasanstalt von 1858 (s. Abschn. 6) auf der Landzunge des Fischerei-Angers durch eine neue, zeitgemäßere, ersetzt. Die „Thüringer Gasgesellschaft“ in Leipzig, die hier die Gasindustrie vertrat, führte seit 1908 auch langsam und schrittweise die allgemeine Versorgung mit Elektrizität im Kreis Calbe durch (Der Kreis Calbe, a. a. O., S.487).

 

Eine „Chemische Fabrik“, die Leim, Gelatine, Tiermehl, Tierfutter, Dünger (u. a. Dicalciumposhat) aus Tierknochen und –häuten erzeugte, war am 2. Mai 1905 am „Kuhberg“ im Norden vor der Stadt (auf dem Gelände der 1904 stillgelegten Brikettfabrik, s. unten: Grube "Alfred") entstanden – von den Calbensern die „Schemische“ (Chemische) genannt. Aus ihr ging später das weltweit bekannte Gelatinewerk Calbe hervor.

Auch bei dieser Fabrik stammte das Startkapital aus dem Handelsbereich. Die Gründer der Fabrik waren, ähnlich wie in anderen Calber Industriebranchen, zwei Magdeburger Kaufleute, Rammelberg und Heike, zusammen mit dem Chemiker E. Bergmann (vgl. CB 4/05, S. 8).

Ehemalige Maschinenfabrik in der Solbrunnenstraße

Die Schwerindustrie, das Kernstück der Gründerzeit, konnte kaum in Calbe Fuß fassen.

Eine Eisengießerei war gleich in den 1870er Jahren gescheitert (vgl. Rocke, ebenda). Schon 1849 hatte sich der Kupferschmied Siegmund Miller in Calbe, damals noch Schlossstraße 92, niedergelassen (vgl. Reccius, S. 89). Das kleine Unternehmen war im Industriezeitalter dann in die Bahnhofstraße umgezogen.

Eine kleinere Maschinenfabrik an der Solbrunnen-Straße lieferte für die in den Magdeburger Vororten entstandene umfangreiche Maschinenindustrie (z. B. Gruson) Zubehörteile (vgl. Dietrich, Heimat, S. 41).

 

 

Ehemalige Metallfabrik und Gießerei, genannt "Kupper-Miller"

Noch heute benutzter Kanaldeckel der Firma Miller

 

Mit dieser nur kleinzelligen, embryonenhaften Etablierung der schwerindustriellen Elemente in Calbe und der zunehmenden Ausrichtung auf die Gemüseproduktion und –verarbeitung lief die Entwicklung von Ballungszentren an der Kreisstadt vorbei, und sie blieb auf der Stufe einer Kleinstadt, allerdings einer stetig wachsenden, stehen.

 

Die meisten der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Braunkohlengruben (s. Abschn. 6) gingen wieder ein; sie waren nicht ergiebig genug. Nur die seit 1861 bis auf 50 Meter abgeteufte und 1864 von der Ascherslebener Bergbau-Unternehmer-Familie Douglas in Betrieb genommene Grube "Alfred" hatte eine solidere Grundlage und bestand bis 1915. Das Flöz war bis zu 24,3 m mächtig. Diese Grube wurde eine der bedeutendsten Braunkohlen-Tiefbau-Gruben Deutschlands. 1882 vertiefte der Unternehmer Hugo Sholto Oskar Georg Douglas (1837-1912) die Grube auf 57 Meter. 1889 förderten die über 200 Bergleute aus Calbe und Umgebung täglich 683 Tonnen Roh-Braunkohle.

„Die Bergarbeiter oder die ‚Belegschaft’ sind in drei Gruppen, Früh-, Nachmittag- und Abendschicht geteilt. Jede Schicht, 60 Mann zählend, hat eine Arbeitszeit von 8 Stunden [hier hatte der Graf eine fortschrittliche Vorreiterrolle – d. Verf.]. Die Bergarbeiter steigen nach dem Umkleiden und nach einer vom Obersteiger gehaltenen Andacht mit ihren Lampen in die Grube oder in die ‚Fahrt’. Diese ist etwa 45 m tief. Auf 7 Leitern gelangen sie in die Tiefe und gehen in die sich von der Laufstrecke abzweigenden Nebenstrecken, die eine Tiefe von 57 m haben und sich mehrere Kilometer unter der Erde entlang ziehen. Hier werden die Kohlen mit Hacken und Picken losgeschlagen und in kleinen eisernen Wagen in die Hauptstrecke gebracht. Durch eine lange eiserne Kette, welche von der Maschine bewegt wird, werden die beladenen Wagen aus der Fahrt in den Förderschacht und von hier aus durch eine andere Maschine aus der Tiefe nach oben in den Förderturm gebracht. Je zwei Wagen, von denen jeder 5 hl faßt, kommen gemeinschaftlich auf der Förderschale in dem Förderturm an, werden in den Schüttenraum geschoben und hier entleert… Damit die Bergleute genügend gesunde Luft in der Tiefe einatmen können, pumpt eine besondere Maschine reine Luft in die Tiefe. Eine andere pumpt und hebt die unteren Wasser aus der Erde in die Höhe. Sämtliche Maschinen werden von 4 großen Dampfkesseln in Bewegung gesetzt. Oft drohen Gefahren dem Bergmann bei seiner schweren Arbeit. Es sind dies besonders die eindringenden Wasser und das sog. Schlämmen der unterirdischen Erdmassen.“ (Dietrich, Heimat, S. 39 f.)

Über eine Seilbahn mit 4-hl-Kästen, die sich bis zum Kuhberg bewegten, wurden aus 50 bis 60 hl fassenden Schütten zum einen die Fuhrwerke der regionalen Fabriken und zum anderen die Eisenbahnwaggons auf einem Zubringer-Gleis befüllt (vgl. Dietrich, Heimat, S. 39). 1904 musste eine nahe gelegene Brikettfabrik geschlossen werden, weil die "Presslinge" aus Calbe nicht auf dem entstehenden Kohlenmarkt konkurrieren konnten.

Obwohl der inzwischen (1888) in den Grafenstand erhobene Unternehmer sich ebenso wie seine Vorfahren stets sozial engagiert und für die Belange seiner Bergarbeiter und deren Familien eingesetzt hatte, kam es 1910 und 1912 zu Streiks der Kumpel von Grube "Alfred". Möglicherweise lag das daran, dass der alternde Graf, der sich kurz vor seinem Tode vorwiegend in seinem Schloss Ralswiek auf Rügen (s. unten) aufhielt, die Leitungsgeschäfte der vielen Kali- und Braunkohlengruben mehr und mehr in die Hände von Mitgliedern seiner verzweigten Familie gelegt hatte. Zur Niederschlagung der Streiks wurde Gendarmerie und Militär eingesetzt. Trotzdem errangen die Arbeiter einen Teilsieg, einige ihrer Forderungen wurden erfüllt und die als Rädelsführer entlassenen Kumpel mussten wieder eingestellt werden (Zander, Manfred, Grube Alfred..., a. a. O., S. 1 f.).

 

Ehemalige Bergmannssiedlung der Grube "Alfred" (Aufnahme von 2005)
Teichlandschaft im Gebiet des ehemaligen Braukohlen-Tiefbaus "Alfred"

 

Die mit der Entlassung der 260 Bergleute verbundene Stilllegung der einstmals bedeutenden Grube „Alfred“ 1915, ausgerechnet während des ersten Weltkrieges, geschah jedoch nicht aus politischen Gründen, wie hartnäckige Gerüchte behaupteten (vgl. Schwachenwalde,  Geschichte des ehemaligen ..., a. a. O., S. 26), sondern aus bergbautechnischen und konkurrenzpraktischen Gründen. Die beim Stand der damaligen Grubentechnik kaum zu verhütenden, oft erheblichen Wassereinbrüche führten nicht nur bei unserer Grube "Alfred", sondern auch bei vielen anderen Tiefbau-Anlagen zur erzwungenen Aufgabe. Die Nachfolger des 1912 verstorbenen Grafen waren nicht daran interessiert, diese Grube zu sanieren. Die Kaligruben ("Douglashall") hatten sie auch schon verkauft (vgl. Zander, ebenda).

Über den einstigen Stollen des Alfred-Schachtes ist inzwischen die Erde eingesunken und eine idyllische Teichlandschaft entstanden (s. Abbildungen).

Zur Geschichte der Ascherslebener Familie Douglas:

Einige Angehörige der aus Schottland stammenden, ursprünglich adligen Familie Douglas tauchten 1772 in Aschersleben auf. Hier waren die Familienoberhäupter im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts als calvinistische Prediger in den reformierten Gemeinden tätig und betrieben nebenbei Ackerbau. Schon 1795 hatte Wilhelm Douglas, der auch das Predigeramt übernommen hatte, auf der Staßfurter Höhe bei Aschersleben ein Braunkohle-Vorkommen entdeckt. Zwei seiner Söhne studierten Jura. Die drei beschlossen nach einiger Zeit, da zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Braunkohleförderung wegen der einsetzenden ersten Etappe der industriellen Revolution große Erfolgschancen versprach, eine Grube zu begründen. Mit einem zusammengeborgten Startkapital - ackerbürgerliche Prediger besaßen nun einmal nicht allzu viel - konnte schließlich 1828 die Grube "Georg", die 100 Jahre in Betrieb war, eröffnet werden. Die Douglas-Familie baute von den rasch steigenden Gewinnen Wohnungen für ihre Bergarbeiter und gewährte ihnen kostenlose Kohlezuteilungen (vgl. Zander, ebenda). Wilhelms Sohn Gustav (1798-1877), inzwischen erfolgreicher teilhabender Grubenbesitzer,  wurde 1832 Bürgermeister in Aschersleben und bald Abgeordneter des Kreistags (vgl. Neue Deutsche Biographie, Bd. 4, S. 89). Als Wilhelm Douglas 1857 in den Ruhestand trat, waren die Profite des Georgsschachtes und der peripheren Industrie so bedeutend, dass  er seine Bürgermeister-Pension den Armen zur Verfügung stellen konnte. Seine Söhne und Neffen waren nun ebenfalls vom "Grubenfieber" ergriffen worden. Neue Schächte wurden eröffnet, die meist unter der Leitung der "Douglasschen Grubenverwaltung" mit Sitz in Aschersleben standen. Die bei Unseburg-Tarthun-Egeln, Calbe (Grube Alfred), Sandersleben, Aschersleben-Staßfurt und Neu Königsaue entstandenen Gruben deckten einen Teil des Kohle-Bedarfs der expandierenden Industrie in unserer Gegend und mehrten den Reichtum der Ascherslebener Douglasfamilie. Einer der Söhne des Bürgermeisters studierte, dem Zuge der Zeit folgend, Chemie in Berlin und Heidelberg: Hugo Sholto Oskar Georg Douglas - man beachte den nun wieder auftauchenden schottisch-keltischen Vornamen "Sholto" - war am 19. 4. 1837 in Aschersleben geboren worden. Nach seinem Chemiestudium wurde er Angestellter im neu entstehenden Kalisalz-Förderkomplex bei Staßfurt (vgl. Zander, ebenda). Er heiratete am 25. 4. 1865, also ein Jahr nach Eröffnung der Grube "Alfred", Jenny Amalie Reisner in Gottesgnaden bei Calbe (vgl. FamilySearch). Stammte die Braut vielleicht aus der Domänen-Pächter-Familie?

Einige Kilometer westlich von Westeregeln entdeckte der junge Chemiker unter einem Gipslager Kalisalz, sicherte sich sofort die Bergrechte und begann 1872 mit den Bohrungen, 1875 mit der Förderung von Carnallit, das in der neuen Fabrik in Westeregeln zu Chlorkalium verarbeitet wurde (vgl. Zander, a. a. O.). So entstand das familieneigene "Kali und Steinsalz Bergwerk Douglashall". Seit 1881 waren in der Aktiengesellschaft  "Consolidierte Alkaliwerke" bergtechnische Förderung (Douglashall) und industrielle Verarbeitung (Kali-Fabriken) vereinigt. Immer mehr Schächte kamen zu "Douglashall" hinzu, u. a. bei Tarthun und Halle. Man förderte eine Vielzahl von Kalisalzen, so auch Kainit und das nach dem Entdecker benannte Douglasit. Das inzwischen aus sechs Fabriken bestehende Alkali-Werk in Westeregeln gehörte am Ende des 19. Jahrhunderts schon weltweit zu den größten seiner Art. Es lieferte ein halbes Dutzend Produkte, die aus Kalisalzen hergestellt wurden. Der in unserer Gegend wegen seiner Jagdleidenschaft öfters weilende Prinz Wilhelm (s. Prinz-Wilhelm-Brücke Calbe) ließ es sich nicht nehmen, 1884 selbst in einen Douglashall-Schacht bei Westeregeln einzufahren. Die beiden Kaligruben wurden daraufhin auf die Namen "Prinz Wilhelm" und "Prinzessin Auguste Viktoria" getauft. Im gleichen Jahr wurde H. S. Douglas in den Freiherrenstand erhoben (vgl. Neue Deutsche Biographie, ebenda). 1884 begründete Douglas eine Zentralstelle für Volkswohlfahrt, den Evangelischen Trostbund, 1886 eine Stiftung der Familie und eine "Kinderbewahranstalt" (Kindergarten). Die Straße in Aschersleben, in der die Verwaltung und der Kindergarten ansässig waren, heißt heute noch Douglasstraße. Hugo Sholto Douglas war Abgeordneter des Preußischen Landtages und Mitglied des Staatsrates. 1888, im Jahr der Krönung des Prinzen Wilhelm zum Kaiser Wilhelm II., bekam er den erblichen Grafentitel (vgl. Neue Deutsche Biographie, ebenda). Der Reserveoffizier der Kriege von 1866 und 1870/71 avancierte zum Major und erhielt das Eiserne Kreuz. Die Universität Halle verlieh dem Grafen Douglas ehrenhalber den Titel "Dr. med.". Außerdem wurde er Ritter mehrerer Orden und Ehrenbürger der Stadt Aschersleben (vgl. Zander, a. a. O.).

 

Schloss Ralswiek zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Ansicht der Ostseite)

Schloss Ralswiek 2005 (Ansicht der Westseite)

Grab des Grafen Hugo Sholto Douglas in Ralswiek

 

1891 hatte der 54jährige Graf und Unternehmer auf der Insel Rügen am Großen Jasmunder Bodden ein ausgedehntes Grundstück mit einem schon seit 1810 eingerichteten Landschaftspark mit dendrologischen Seltenheiten erworben. 1893/94 ließ er auf der Anhöhe über Ralswiek ein von dem Berliner Architekten G. Stroh im Stil der französischen Loire-Renaissance entworfenes Schloss erbauen und den Park durch Anpflanzung neuer Baumkostbarkeiten erweitern. Eine bei der Weltausstellung in Schweden gekaufte Holzkirche ließ der Graf 1907 im Tal am Ortseingang aufbauen. Die Inneneinrichtung des Schlosses wurde teilweise von dem bedeutenden Jugendstil-Maler und -Architekten Henry van de Velde entworfen (nach: Informationsschrift von Leader II, Gemeinschaftsinitiative der Europäischen Union und des Landkreises Rügen;

 vgl. http://www.ruegen.de/schloss_ralswiek.html; http://www.ruegenurlaub.de/insel_ruegen/architektur/herrenhaeuser/route2/ralswiek.htm).

100RM-Aktie der Consolidierten Alkaliwerke zu Westeregeln aus dem Jahr 1928 (nach: http://www.schmidt-travel.de/)

Kuxe (Berg-Gewerkschafts-Anteilschein), die auf der Rückseite die Unterschrift von H. S. Graf Douglas trägt (nach: http://www.schmidt-travel.de/

In der Zwischenzeit bemühte sich die Großherzogliche Mecklenburgisch-Schweriner Regierung um den erfolgreichen Bergbau-Unternehmer. Graf Douglas erhielt 1896 den Auftrag, das unter einer Gipsschicht bei Lübtheen und Jessenitz befindliche Kalisalz-Lager zu erschließen und auszubeuten. Die "Mecklenburgische Gewerkschaft Friedrich Franz", deren Hauptaktionär der Großherzog selbst war, wurde gegründet und 1906 das Bergwerk eröffnet. Vier Jahre nach dem Tod des Grafen musste der Schacht 1916 wegen massiven Wassereinbruchs wieder geschlossen werden (vgl. http://www.schmidt-travel.de/bergmannstag/kuxen.htm).

1909 gab Hugo Sholto Oskar Georg Graf von Douglas seine Lebenserinnerungen unter dem Titel "Lebensbetrachtungen - Aphorismen zur Lebensweisheit" heraus (vgl. Zander, ebenda).

Er starb am 19. 4. 1912, seinem 75. Geburtstag, in Berlin und wurde in seinem geliebten Ralswiek begraben.

Nach seinem Tode verkauften die vielen teilhabenden Verwandten, deren Bergbau-Kapital er als Geschäftsführer der Douglasschen Grubenverwaltung und von Douglashall so genial vermehrt hatte, das gemeinsame Montan- und Industrie-Besitztum und teilten den Ertrag anteilig unter sich auf.

So wurde auch die unrentabel gewordene und unter Wassereinbrüchen leidende Grube "Alfred" nördlich vor Calbe 1915 geschlossen und die 260 Bergleute entlassen.

 

Auch nach der Reichsgründung war der Anteil der bäuerlichen Bevölkerung in Calbe – hier euphemistisch „Ackerbürger“ genannt – noch sehr hoch. So genannte Bördehöfe prägten weiterhin das Straßenbild, ganz besonders aber in den Vorstädten mit ohnehin dörflichem Charakter.

Zu Calbe ohne die noch nicht eingemeindeten Vorstädte gehörte nach 1871 eine Feldmark von 13116,6 Morgen (zwischen ca. 3300 ha und ca. 7000 ha) (vgl. Rocke, S. 60 f.). Das bedeutete, dass auf jede Calbesche Familie durchschnittlich ca. 8 Morgen (ca. 2 – 4 ha) gekommen wären, wenn sich alle Bürger mit Ackerbau beschäftigt hätten. Die Domäne besaß dagegen nur 2251 Morgen, hatte aber bessere technische und naturwissenschaftliche Hilfsmittel zur intensiveren Nutzung zur Verfügung.

Neben dem vorrangigen Getreideanbau wurden nach 1871 immer mehr spezielle und für das Calbesche Gebiet typische Gemüsearten, wie Zwiebeln und Gurken, kultiviert. Auch die Zuckerrüben-Produktion, nicht nur die von Futterüben, hatte inzwischen zugenommen, während die Verarbeitung der Zichorien abnahm.

Das einstmals reiche und einflussreiche Rittergut (s. Abschn. 3 – 5) war bereits 1814 stückweise verkauft worden. 1870 veräußerte die Witwe des Posthalters Schulze das Grundstück des Gutsgebäudes an den Wagenbau-Unternehmer Hohmann. Der Wagenfabrikant baute in der Ritterstraße Nr. 1 Kutsch- und Gebrauchswagen. Er wohnte mit seiner Familie im ehemaligen Rittergutshaus. Außer ihm waren noch die Familien eines Hohmannschen Angestellten und eines Handwerkers in dem Gebäude untergebracht (vgl. Acta der Polizei-Verwaltung zu Calbe an der Saale die auf dem Gehoefte des Posthalter Ferdinand Schulze No. 296 vorgenommenen Bauten betreff. - und Wagenbaue - jetzt Lakirer Wilhelm Hohmann - Ritterstraße Nr. 1 - Ergangen im Jahre 1844…, a. a. O.).

Rittergutsgebäude (im Vordergrund) mit Hohmanns Hofgebäuden

(Aufn.: Oskar-Heinz Werner)

Statt des Rittergutes mit seinem Gutshof im Stadtzentrum war 1884/85 im Süden 3,5 km vor der Stadt ein neues modernes Gut entstanden. Hier hatte der Besitzer Otto Bartels ein schlossähnliches Gutshaus im damals beliebten Neorenaissance-Stil errichten lassen, "Bartelshof", mit einem großen Park. Damalige Zeitgenossen hoben hervor, dass Bartels eine landwirtschaftliche Musterwirtschaft mit einer großen Obstplantage und einem großartigen Park geschaffen hatte (vgl. Dietrich, Heimat, S. 48). Das architektonisch überladene Prunkschlösschen ist für uns Heutige eine Geschmacksache, es bietet aber einen guten Einblick in die Auffassung von Architektur und das Repräsentationsbedürfnis eines preußischen Gutsbesitzers zur Gründerzeit.

Auf Bartels’ Initiative hin war 1904 der Bismarkturm auf dem höchsten Punkt des Wartenbergrückens errichtet worden (s. unten).

Otto Bartels hatte auch dafür gesorgt, dass die im August 1890 eröffnete Verbindungsbahn zwischen Bernburg und Calbe (vgl. ebenda, S. 78) eine Station direkt an seinem Gutshof erhielt, damit die erzeugten Güter schneller transportiert werden konnten. Die Standortwahl für das neue Gut lässt vermuten, dass Bartels Planungen auf Landesebene durchaus nicht unbekannt gewesen sein müssen.

Gutshaus "Bartelshof" um 1900 von Süden (nach: ebenda.)

Gutshaus "Bartelshof" 2003 von Nordosten

Details vom rechten Flügel des Südportals (2003)

Der bürgerliche Gutsbesitzer Bartels leistete sich dieses Adelswappen. Man sagte ihm gerüchteweise verwandtschaftliche Beziehungen zum Kaiserhaus nach. (Aufn. Hans und Markus Wolfram)

 

Im Rahmen der in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) durchgeführten "Bodenreform" wurde auch die Gutsbesitzer-Familie Bartels 1946 entschädigungslos enteignet. In dem ehemaligen Gutshaus wurde ein Kur- und Erholungsheim für Kinder, die durch den Krieg geschädigt worden waren, eingerichtet und am 2. Mai 1946 eingeweiht. Es war nach Martin Schwantes, einem während der nationalsozialistischen Diktatur hingerichteten Lehrer und KPD-Funktionär, benannt worden.  In einer Broschüre von 1950 hieß es: "Viel Mühe und Arbeit hat die Beschaffung der Einrichtungsgegenstände gekostet, aber alles das wird dem Zuschauer gelohnt, wenn er heute die lachenden Kindergesichter sieht und die Kinder beobachtet, wie sie in munteren Spielen sich in dem herrlich gelegenen Park des Hauses vergnügen." (Der kleine Heimatkalender der Stadt Calbe/S. für das Jahr 1950, S. 16). In späteren Jahren, als es inzwischen besser und spezieller ausgestattete Kinderheime in der DDR gab, zog  die einstige "Rettungsanstalt" hierher. Nun war das Martin-Schwantes-Heim, das ehemalige Gutshaus, ein geschlossenes "Internat für schwer erziehbare Mädchen" geworden, das nach der politischen Wende 1990 aufgelöst wurde.

 

S. g. Holländer-Mühle in der Magdeburger Straße um 1900 (nach: Wurbs-Archiv)

Die industriell betriebene Brücknersche Getreidemühle (s. oben) schaffte es allein nicht, auch den privaten Mahlbedarf der gewachsenen örtlichen Bevölkerung zu befriedigen. In der Feldmark gab es im Halbkreis um Calbe herum eine Reihe von (meist Bock-)Windmühlen. Flurnamen wie „Mühlenbreite“ erinnern noch daran. In der Nacht vom 21. zum 22. Februar 1850 tobte ein solcher Sturm, dass eine der in dieser Mühlenbreite neben dem neuen Friedhof stehenden Windmühlen umgeworfen wurde. Die sich darin festklammernden Müllerburschen kamen wie durch ein Wunder mit dem Schrecken davon (vgl. Dietrich, Ruhestätten…, a. a. O., S. 24).

Auf Grund dieser Erfahrung wurden wohl auch die stabileren, weil im Unterteil gemauerten "Holländer"-Mühlen im Calber Bereich gebaut (s. Abb. links).

Nach der Reichsgründung kamen aus der Kreisstadt Calbe außer erheblichen Mengen von Tuch und Papier  (s. oben) schon immer mehr agrarische Spezialerzeugnisse wie Speiseöl, Zwiebeln und Gurken (vgl. Rocke, S. 61).

 

Auch die nun als freie Gewerbetreibende tätigen Fischer der altehrwürdigen Nicolai-Brüderschaft fielen durch zeitgemäße Ideen auf. Unter der Wunderburg hatten sie 1889 auf den Hohendorfer Wiesen eine Fischbrutanstalt (besonders für Lachse) angelegt (vgl. Dietrich, Heimat, S. 47).

Um dem gestiegenen Schiffsverkehr genügen zu können, musste 1889/90 eine neue Schleuse (- die dann bis 1939 in Betrieb war -) gebaut werden. Diese funktionierte im Wesentlichen schon wie unsere jetzige von 1940.

Ein Zeitgenosse beschrieb die Technik so:

„Die Schleuse ist eine gewaltige, aus Steinen erbaute und durch zwei eiserne Tore abgesperrte Kammer, in welcher das Wasser fast 3 m tiefer als in der Saale steht. – Jeder Kahn muß, da er nicht über das sich quer durch die Saale hinziehende Mühlenwehr fahren kann, die Schleuse passieren. Soll ein Kahn durchschleusen, so öffnet der Schleusenmeister die im oberen eisernen Tore und die sich in dem unteren Teile der starken Mauern befindlichen eisernen Klappen. Das Wasser strömt nun von allen Seiten in die 56,50 m lange, 6,50 m breite und 7,10 m hohe Schleusenkammer und füllt diesen Raum in drei Minuten. Nachdem so der Wasserstand der Saale und der der Schleuse ausgeglichen ist, wird das obere Tor der Schleuse geöffnet und der Kahn hineingezogen. Das obere Tor wird nunmehr geschlossen und das untere langsam geöffnet. Das Wasser verläuft sich in den Schleusengraben, und der Kahn sinkt allmählich, bis der Wasserstand in der Kammer mit dem des unteren Schleusengrabens ausgeglichen ist. Durch das zweite geöffnete Tor nimmt der Kahn seinen weiteren Weg.“ (Dietrich, Heimat, S. 50.)

 

Der untere Graben der Schleuse von 1889  (Aufnahme von Trinks 1938)

Jahrhunderte lang wurden auf dem alten Elbe-Saale-Handelsweg die Lastkähne zurück stromaufwärts getreidelt, das heißt mit Seilen per Hand gezogen. Wenn die Lasten stromabwärts in den großen Handelszentren entladen worden waren, wurden die leeren Kähne auf 1,50 Meter breiten "Lein-" oder "Treidel-Pfaden" von "Saalebuffern", wie man die Schifferknechte auch nannte, an über die Schulter gelegten Gurten gegen die Strömung flussaufwärts gezogen. Reste dieser Treidelwege oder Schifferstiege kann man heute noch entdecken. Durch die rasche Entfaltung der Eisenbahnen und wegen der vergleichsweise umständlichen und langwierigen Güterbeförderung auf den

 Wasserwegen ging die Schifffahrt auf Elbe und Saale in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst zurück. Um die zeitraubende Treidelei zu ersetzen, richteten einige Unternehmer auf Initiative des Ingenieurs Ewald Bellingrath (1838-1903) in den 1860er und 70er Jahren die schon seit 1839 in Frankreich betriebene Kettenschifffahrt auf der Elbe ein. „Die Elbe-Kettenschifffahrt wurde 1866 bei Magdeburg sowie 1869 in Sachsen eingeführt. Dabei zog sich der Kettendampfer mit seinen Frachtkähnen im Schlepptau mittels einer Dampfwinde an einer lose im Fluss liegenden Kette vorwärts. Kettenschlösser dienten dem Ausweichmanöver von Kettenschleppern bei Begegnungen. In der Hochzeit der Kettenschifffahrt (1870 -1890) lagen 730 km Kette in der Elbe. Sie reichte von Melnik in Böhmen bis Hamburg. In den 1890er Jahren verdrängten leistungsstärkere Seitenradschleppdampfer nach und nach die Kettenschlepper… Die Einführung der Kettenschifffahrt ist als wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der Binnenschifffahrt zu werten. Nur sie war in der Lage, den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stürmisch anwachsenden Güterverkehr auf der Elbe zuverlässig und kostengünstig zu bewältigen. Wesentlicher Grund für ihre Entwicklung und Einführung auf der Elbe war die Notwendigkeit, den riesigen Strom von Massengütern zuverlässig und mit niedrigsten Kosten über weite Entfernungen zu transportieren. Angesichts leistungsschwacher Schaufelraddampfer und der Tatsache eines im wesentlichen noch unregulierten Flusses drängte vor allem die Konkurrenz der Dampfeisenbahn die Elbschifffahrt zur Einführung einer wirtschaftlich effektiveren Betriebsweise, besonders für die Fahrt zu Berg. Die Kettenschleppdampfer der Elbe, auf den Schiffswerften in Magdeburg, Dresden, Roßlau und Prag gebaut, waren den Bedingungen der unregulierten Elbe angepasst (eiserner Schiffsrumpf von ca. 48 m Länge und 7,5 m Breite, flacher Boden, Tiefgang von max. 0,8 m) und konnten mit einem guten Wirkungsgrad ihre relativ geringe Maschinenleistung in Schleppleistung umzusetzen. Ein Kettendampfer mit zehn Frachtkähnen im Schlepp benötigte für die 278 km lange Strecke Magdeburg - Dresden 70 Stunden. Dabei nahm ein Frachtkahn eine Ladung von 100-300 t auf. Dagegen benötigte der Seitenradschleppdampfer 120 Stunden. Auch auf anderen deutschen Flüssen wie Saale, Main und Neckar wurde Kettenschifffahrt betrieben, sie war aber wesentlich vom technischen Stand und wirtschaftlichen Erfolg der Elbe-Kettenschifffahrt beeinflusst.“ (http://www.verkehrsmuseum.sachsen.de/de/aktuell/kette.htm)

Kettenschiff „Gustav Zeuner“ (Baujahr 1894) auf der Elbe ( nach: http://raddampfer-kaiser-wilhelm.de/museum/archiv_sonder/Sonder/Bellingrath/bilder)

Bald schon holte auch die Saaleschifffahrt auf. „Am 15. September 1884 zog sich der Kettendampfer Saale’ an einer in das Flussbett ausgelegten Kette stromaufwärts. Die Kette verlief von Barby bis Halle und war 105km lang.“ ( Die Saale - Das Blaue Band durch Sachsen-Anhalt.) Die Saale-Kettendampfer mussten etwas kleiner als ihre Elbe-„Brüder“ beschaffen gewesen sein, denn ein Schiff von 7,5 m Breite (s. oben) hätte nicht durch die 6,5 m breite Schleuse fahren können.

Um 1900 waren die Effizienz der Schaufel- (Seitenrad-) und Schrauben-Dampfer (vgl. Dietrich, Heimat, S. 53), ihre Transportkraft und Geschwindigkeit so groß geworden, dass sie immer mehr die Kettendampfer zu verdrängen begannen.

1921 wurde die Kettenschiffahrt auf der Saale eingestellt und 1922 die Kette aus der Saale genommen.

So, wie Industrie und Handel im Deutschen Kaiserreich anwuchsen, wurden ebenfalls auch die Land-Verkehrswege ausgebaut, Straßen befestigt und Eisenbahnen angelegt.

 

Nach dem Krieg gegen Frankreich war es in erster Linie der Kriegsplaner von 1866 und 1870/71, Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke, seit seiner Jugend ein Verfechter des strategischen Eisenbahnbaus, der für den Bau einer Bahnstrecke vom Osten des Reiches über die Hauptstadt Berlin bis nach Metz an der Mosel, an die westliche Reichsgrenze seit 1871, eintrat. Die 1879 in Betrieb genommene Teilstrecke Berlin-Nordhausen war an Calbe herangelegt worden, weil man auf ihr auch in Friedenszeiten die Reichshauptstadt täglich mit frischem Gemüse beliefern konnte. Ein eigener Stadt-Bahnhof „Calbe a. d. S.“ (später „Calbe West“) entstand.

Diese Bahnlinie wird heute noch von alten Calbensern wegen der früher häufigen Transporte von Kriegsmaterial als "Kanonenbahn" bezeichnet. Auch Schnellzüge nach und von Berlin hielten in Calbe a. d. Saale (Calbe-West).

Als nach 1871 eine der längsten Friedensperioden in der deutschen Geschichte eintrat, nutzte man die Verbindung nach Berlin, um die Hauptstadt täglich mit Frühkartoffeln, Zwiebeln und Gurken, im 20. Jahrhundert auch mit Konserven zu beliefern. Die Menge Zwiebeln, die hier umgeschlagen wurde, deckte einen erheblichen Teil des gesamtdeutschen Bedarfes. So erwarb sich Calbe, das schon seit fast vierhundert Jahren Gemüse produzierte, bald im ganzen Reich den Ruf als Gurken- und "Bollen-Calbe".

Bahnhof „Stadt Calbe“ (Calbe West)

Schöne Formsteine am Bahnhofsgebäude

 

In seinem Werk "Deutsche Fahrten: Reise- und Kulturbilder" beschrieb 1903 der Schriftsteller Karl Emil Franzos humorig den Lokalpatriotismus und den Neid einiger Zerbster auf die berühmtesten Zwiebeln, die von Calbe:

"»Wir leben«, sagte mir ein wackerer Sattlermeister am Frauentorplatz [in Zerbst - D. H. St..], »vom Handwerk, von der Wurst, von dem Bier; unsere Gurken sind auf dreißig Meilen berühmt; von unseren Kartoffeln, lieber Herr, müssten Sie eigentlich auch schon gehört haben, und wenn die von Calbe nicht wären, so wären wir auch in Zwiebeln die Größten.« Auf die von Calbe war er darum fast ebenso schlecht zu sprechen wie auf die Dessauer, und als ich darüber erstaunt war, da ihn als Sattler doch die Zwiebeln nichts angingen, erwiderte er: »Aber unser Zerbst geht mich an; es ist doch wegen der Stadt!«"

Das Gründerzeit-Bahnhofs-Gebäude in Calbe Ost um 1925 (nach: Heimatstube-Archiv)

Das gleiche Backstein-Gebäude im Jahr 2004

Die alten Fachwerk-Bahnhofsgebäude in Grizehne, an der historischen Bahnstrecke gelegen (s. Abschn. 6), wurden 1894 abgerissen und durch einen heute noch existierenden Backsteinbau ersetzt.

Am 1. 4. 1880 hatte der Staat die 1840 eröffnete Bahnstrecke Magdeburg-Leipzig von den privaten Aktionären gekauft.

Eine Wasserstation für die Lokomotiven pumpte am Nordende der Bahnbrücke mit dampf- und windradbetriebenen Maschinen das Wasser aus der Saale hoch. Hier stand auch das Haus des Bahnwärters, der täglich bei Wind und Wetter die Gleisanlagen zwischen Patzetz (Sachsendorf) und dem Überführungskreuz bei der Grube Alfred sowie den Verbindungsgleisbogen (Mittelbahn), eine Strecke von 20 km, zu kontrollieren hatte (vgl. Dietrich, Heimat, S. 56). Um die beiden Calbeschen Bahnhöfe und somit die unsere Stadt tangierenden Hauptstrecken miteinander zu verbinden, wurde ein Verbindungs-Gleisbogen im Norden vor dem Kuhberg verlegt, auf dem man seit 1882 Güter und seit 1890 auch Personen befördern konnte. Dadurch war es auch möglich, auf einer im August 1890 eröffneten Bahnlinie von Könnern, über Bernburg, Nienburg und Calbe (West) nach Grizehne (vgl. ebenda, S. 78) und von dort weiter in die Magdeburger oder Hallesche Richtung zu gelangen.

 

Das Bernburgische Tor um 1870 – um die Straße zu verbreitern, mussten auch die Häuser am Tor abgerissen werden

Nach der Reichsgründung kam auch die Straßenpflasterung allmählich etwas umfassender in Gang. Um die Straßen verbreitern und somit dem gewachsenen Verkehrsaufkommen entsprechen zu können, wurden in den 1870er Jahren die Reste der 3 Haupt-Stadttore im Norden, Westen und Süden abgerissen.

 

Nach der Reichsgründung empfand man die Situation an der Fähre bei Tippelskirchen, das ständige Herunterlassen des Seiles bei durchfahrenden Schiffen und das zeitraubende Übersetzen bei dem gewachsenen Straßen-Verkehr, nicht nur als unzeitgemäß, sondern auch als rückständig. Der Bau einer Brücke war existenzwichtig für die alte und traditionsreiche Stadt Calbe geworden. Eine stabile 106,5 m lange, auf zwei Landpfeilern ruhende Eisenjoch-Brücke wurde in Auftrag gegeben. Diese so genannte Prinz-Wilhelm-Brücke wurde dann 1880 von der Hütte "Gute Hoffnung" in Oberhausen an der Ruhr angefertigt und montiert, und der preußische Prinz Wilhelm, der acht Jahre später deutscher Kaiser wurde, hatte diese Brücke anlässlich eines Jagdausfluges in die Gottesgnadener Feldmark am 16. Dezember 1880 feierlich eingeweiht. Bis zum 1. Juli 1907 wurde von den Nutzern der Brücke eine Art Maut gefordert, die ein Brückenwärter einkassierte: pro Person 3, pro Stück Vieh 15 und pro Fahrzeug 15 Pfennige (vgl. Dietrich, Heimat, S. 30 und 45).

Prinz-Wilhelm-Brücke um 1900 (nach: Heimatstube-Archiv)

Die Wilhelmsbrücke versah bis 1945 ihren "Dienst", bis sie von deutschen "Verteidigern" in den letzten Kriegstagen gesprengt wurde.

 

Am südlichen Ende des städtischen Bereiches, heute an der Einmündung des Weges „Am Weinberg“, stand an der Ostseite der Nienburger Straße ein Chausseehaus, von dem aus zwischen 1867 und 1875 ein Chausseegeld für Gespanne erhoben wurde (vgl. Dietrich, Heimat, S. 49).

Ehemaliges Chausseehaus

 

Das Postgebäude befand sich nach der Reichsgründung immer noch in der Poststraße (s. Abschn. 6), der heutigen August-Bebel-Straße, und wurde 1885 staatlicherseits zu einem Kaiserlichen Postamt I. Klasse erhoben (vgl. Hertel, Geschichte…, a. a. O., S. 128). Da entschloss sich die Stadt, dem Ganzen auch einen würdigen Rahmen zu geben und einen repräsentativen Post-Bau in der Schloss-Straße zu errichten.

„Das Kaiserliche Postamt ist 1887- 88 vom Maurermeister Förster gebaut und mietweise der Postverwaltung überlassen. Im Erdgeschoß enthält das Postgebäude einen Vorraum, den Schalterraum, das Annahme und Ausgabezimmer für Postkarten, Briefe, Postanweisungen und Postwertzeichen (Briefmarken von 3 Pfg. [Pfennig] bis 5 Mk. [Mark], Versicherungsmarken, Wechselstempelmarken, statistische Warenzeichen für das Ausland), das Zimmer für die Entkartung und Abfertigung, das Zimmer für den Postdirektor und nach der Hofseite die Packkammer und das Briefträgerzimmer. Im Oberstock befindet sich die Wohnung des Postdirektors, das Telegraphen- und das Fernsprechzimmer. Auf dem Dache des Postgebäudes erhebt sich ein Türmchen, in den sämtliche Drähte für die Telegraphie und Telephonie münden. Durch den Telegraph oder Fernschreiber und durch das Telephon oder den Fernrufer werden wichtige Nachrichten, Geschäftsgespräche u. s. w. schnell vermittelt. Allmonatlich gelangen auch im Schalterraum die verschiedenen Renten (Alters-, Invaliditäts- und Unfall-Versicherung) zur Auszahlung.“ (Dietrich, Heimat, S. 16.)

Das Kaiserliche Postamt um 1900 von Süden gesehen (nach: Heimatstube-Archiv)

Das gleiche Postamt 2003 von Norden gesehen –

Die wirkungsvollen neogotischen Stufengiebel waren schon vor Jahrzehnten wegen Baufälligkeit abgetragen worden

 

Die Renten, die hier vom Zeitzeugen und Heimatforscher Dietrich erwähnt wurden, waren auf der Basis der von Bismarck eingeleiteten und vom Vize-Reichskanzler Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode angeregten fortschrittlichen Sozialgesetze entstanden (1883 Gesetz zur Krankenversicherung, 1884 zur Unfallversicherung, 1889 zur Alters- und Invalidenversicherung), mit denen die beiden Fürsten die Arbeiterschaft für sich gewinnen und sie von der stark anwachsenden Sozialdemokratie entfremden wollten. Die Sozialgesetze sollten als „Zuckerbrot“ das Pendant zur „Peitsche“ des s. g. Sozialistengesetzes (s. unten) sein, wie der junkerliche Pferdenarr Bismarck sich auszudrücken pflegte.

Kreishaus, Kreisverwaltung und Landratswohnhaus um 1900

(nach: Heimatstube-Archiv)

Ehemaliges Wohnhaus des Königlichen Landrates im Jahr 2002

Blauer Turm

Als Kreisstadt im Deutschen Kaiserreich bekam Calbe 1878 ein so genanntes Kreishaus in der Poststraße. Vorher hatten der Kreistag und die Verwaltung keinen repräsentativen Sitz und waren zeitweise in einem ehemaligen Wohnhaus von Jean Tournier in der Scheunenstraße 26 untergebracht. 1886/87 wurde das Kreishaus durch das luxuriöse Wohnhaus des höchsten Regierungsbeamten des Kreises, des Landrates, erweitert. Es stand nun zwischen dem Kreishaus und dem Gebäude der Freimaurerloge „Feste Burg an der Saale“ (s. Abschn. 6). Zur Landratswohnung gehörte ein weitläufiger Garten, in dem Reste der alten Stadtmauer und des Blauen Turmes standen. Landrat von Steinäcker ließ den Turm wieder in spätmittelalterlicher Form mit Schießscharten und Zinnen aufbauen, so wie wir ihn heute noch sehen.

„Der Königliche Landrat steht an der Spitze der Verwaltung des Kreises Calbe. Er wird vom König zu diesem Amte ernannt, auch kann er seitens des Kreistages aus der Zahl der Großgrundbesitzer und der Amtsvorsteher des Kreises für die Stelle eines Landrates bei der Regierung in Vorschlag gebracht werden. Im Kreishause werden die Geschäfte und Angelegenheiten des Kreises Calbe bearbeitet. Im Erdgeschoß liegen die Arbeitsräume der landrätlichen und hiermit zugleich diejenigen der Regierungs- und Staatsverwaltung. Die Arbeitsstätten im Oberstock sind diejenigen der Kreis-Kommunal-Verwaltung. In einem Seitenflügel liegt die Kreis-Kommunal- und die Kreisspar-Kasse, über dieser der Sitzungssaal, in welchem die Sitzungen des Kreistages abgehalten werden.“ (Dietrich, Heimat, S. 23.)

Im Kreishaus tagte also das Parlament des Kreises Calbe, der Kreistag. Im Unterschied zu den Reichstagswahlen, die gleich und direkt für Männer ab 25 Jahren (s. oben) erfolgten, galt für die Kreistagswahlen ebenso wie für die Stadtverordnetenwahlen und die Wahlen zum Abgeordnetenhaus des Preußischen Landtags seit 1849 das undemokratische, und deshalb immer heftiger angefeindete Dreiklassenwahlrecht (s. Abschn. 6). Durch die Einteilung in Steuerklassen und das Wahlmännersystem hatte die weniger vermögende Bevölkerungsmehrheit kaum eine Chance, ihre eigenen Interessen-Vertreter in die regionalen Parlamente zu bringen. Nur der Reichstag war dafür offen, und diese Möglichkeit wurde am Ende des 19. Jahrhunderts auch mehr und mehr genutzt.

Das Rathaus von 1376 (nach: Aquarell von Ph. Wächter)

Das Rathaus von 1876 mit Dach-Balustrade und Renaissance-Stufengiebel (nach: Heimatstube-Archiv)

 

 

 

Das Rathaus im Jahr 2002 –

Renaissance-Giebel und Balustrade wurden vor Jahrzehnten wegen Baufälligkeit entfernt

 

       

 

 

Der Magistrat von Calbe bestand um 1870 aus einem Bürgermeister, einem Beigeordneten (stellv. Bürgermeister) und drei Ratsmännern, von denen nur der Bürgermeister ein Gehalt bezog (vgl. Rocke, S. 61).

Vorn Mitte links stehend Bürgermeister Mittelstaedt

(Nach: Hertel, Geschichte…, a. a. O., Anhang)

Um 1900, auch hervorgerufen durch die 1899 erfolgte Vereinigung mit den Vorstädten (s. unten), hatte sich die städtische Verwaltungsstruktur folgendermaßen verändert:

Der neue Standplatz des Rolands im „Rolandgarten“ von 1888 bis 1936

(nach: Archiv Zähle)

 „An der Spitze der Stadtverwaltung steht der Bürgermeister, der auf 12 Jahre von den Stadtverordneten gewählt wird. Eine Wiederwahl kann erfolgen. Der Bürgermeister, ein Beigeordneter oder zweiter Bürgermeister und sechs Stadträte bilden den Magistrat. Dieser hat als Ortsobrigkeit und Gemeinde-Verwaltungsbehörde die Gesetze und Verordnungen sowie die Verfügungen der ihm vorgesetzten Behörden auszuführen, das Vermögen der Stadt und die städtischen Gemeindeanstalten nach Vorschrift der Städteordnung zu verwalten und sich dazu der Mithilfe der Stadtverordneten zu bedienen. Der Haushaltungsplan, nach welchem die Verwaltung zu führen ist, wird alljährlich vor Beginn des Wirtschaftsjahres vom Magistrat aufgestellt und von der Stadtverordnetenversammlung festgesetzt. Außerordentliche Ausgaben sind von der Stadtverordnetenversammlung vorher zu bewilligen. Stadtverordnetenversammlungen finden in der Regel jeden Monat statt. Die Zahl der Stadtverordneten beträgt 31.“ (Dietrich, Heimat, S. 12 f.)

Nach der Reichsgründung entsprach wohl das gute alte Rathaus von Calbe (s. Abschn. 3) nicht mehr ganz dem neu entstandenen imperialen Repräsentationsgefühl. Praktischerweise brannte das spätgotische Gebäude am Marktplatz pünktlich 1875 kurz vor dem 500jährigen Jubiläum ab. 1875/76 errichtete man im eklektizistischen Neorenaissance-Stil ein zum barocken Architektur-Ensemble der Häuser am Markt schlecht passendes Backstein-Rathaus.

Über die Nutzung des neuen Gebäudes während der Gründerzeit klärte uns Max Dietrich auf:

„Das Rathaus dient als Arbeitsstätte der Stadtverwaltung. Im Kellergeschoß befinden sich die Polizeiwache, das Altertumsmuseum und die Wohnung des Kastellans [Hausmeisters – D. H. S.]. Im Erdgeschoß liegen die Arbeitsstuben der Polizeiverwaltung, des Einwohner-Meldeamtes, der Kasse und der Volksbibliothek. In der Kasse werden die Steuern oder Abgaben entrichtet. Auch werden daselbst Spareinlagen für die städtische Sparkasse eingezahlt und mit 3,2% vom Hundert verzinst. Im Oberstock liegt in der Mitte der schöne Rathaussaal, in welchem die Sitzungen des Magistrats und der Stadtverordneten abgehalten werden, das Magistratsbureau, das Amtszimmer des Bürgermeisters und das Standesamt. Seit 1901 gehört das nördlich angrenzende Gebäude gleichfalls der Stadt. Während der untere Teil desselben ein Materialwarengeschäft enthält, befinden sich im Oberstock das Armenbureau und das städtische Bauamt.“ (Dietrich, Heimat, S. 12 f.)

 

Der Roland wurde beim Rathausbrand vom 23.1.1875 rechtzeitig gerettet, notdürftig restauriert und bis 1888 in einem Speicher aufbewahrt. Danach kam er am Nordgiebel der Knabenvolksschule (s. Abschn. 6) bis 1936 zu neuen Ehren (s. Abb. weiter unten).

In der Schlossstraße war 1877-79 ein Gebäude für das Kreisgericht, das Königliche Amtsgericht, aus gelbem Backstein entstanden. Und so sah es um 1900 darin aus:

„Im Kellergeschoß liegt die Wohnung des Gerichtsdieners, im Erdgeschoß ein Richterzimmer, eine Gerichtsschreiberei und das Katasteramt [Amt für Grundstücks-Angelegenheiten – D. H. S.], im Oberstock der Sitzungssaal, ein Richterzimmer, das Warte- und Zeugenzimmer und eine Gerichtsschreiberei. An dem Königlichen Amtsgericht wirken zwei Königliche Amtsrichter, von denen einer die Aufsicht über sämtliche Beamten führt. Er ist zugleich Vorsteher des Gerichtsgefängnisses. Straf- und Zivilprozeßsachen werden von ihm bearbeitet. Der zweite Königliche Amtsrichter bearbeitet die Testaments-, Nachlaß-, Grundbuch-, Register- und Familienrechtssachen (Fürsorge, Vormundschaft, Pflege- und Beistandssachen). Der Königlichen Gerichtskasse steht der Gerichtskassenrendant und ein Kontrolleur vor… Dem  Katasteramt steht ein Katasterkontrolleur (Steuerinspektor) vor. – Hinter dem Königlichen Amtsgericht liegt das Gefängnis, in welchem die Verurteilten ihre Strafe verbüßen.“ (Dietrich, Heimat, S. 17 f.)

Königliches Amtsgericht 1904 (nach: Heimatstube-Archiv)

Das Gebäude 2003

 

Durch das unermüdliche Betreiben des Bürgermeisters Mittelstaedt (s. Gruppenbild weiter oben) und die Unterstützung durch den Magdeburger Regierungspräsidenten von Arnstedt kam nach jahrzehntelangen Bestrebungen am 1. Oktober 1899 die Vereinigung mit den beiden Vorstädten und dem Amt (Domäne) zustande. Wieder einmal hatte die Bernburger Vorstadt 1868 den Antrag darüber bei der Stadt gestellt. Da aber Einverständnis aller beteiligten Gemeinden ohne Zwang vorliegen musste, konnte abermals eine Verbindung nicht zustande kommen. Erst die Landgemeindeordnung von 1891, nach der eine Zusammenlegung auch ohne Einverständnis der Beteiligten möglich geworden war, und der Amtsantritt des Bürgermeisters Mittelstaedt, eines vehementen Vereinigungs-Vertreters, ließen das Projekt wieder realisierbar erscheinen. 1893 fassten die Vertreter der Stadt und der beiden Vorstädte den einstimmigen Beschluss, nunmehr die dringend notwendig gewordene Vereinigung zu vollziehen. Jetzt aber stellte sich die Königliche Regierung in Magdeburg quer, die die Domäne (das Amt) Calbe aus rein fiskalischen Gründen nicht hergeben wollte. Auf die Domäne aber wollten Stadt und Vorstädte nicht verzichten. Erneut kam die Angelegenheit ins Stocken. Da war es ein Befürworter in Magdeburg, der Regierungspräsident von Arnstedt, der sich der Sache annahm und den Domänenfiskus ebenso wie die Calbeschen Gemeinden zu einem Kompromiss bewegen bzw. zwingen konnte. „Er brachte nicht nur den Vertrag zwischen der Stadt und der Domäne zustande, wonach der westlich der Magdeburg-Leipziger Bahn gelegene Teil der letzteren mit der Stadt vereinigt werden sollte…, sondern er beseitigte durch einen Beschluß des Bezirksausschusses auch den nun wieder erhobenen Widerspruch der Vorstädte, die die Einverleibung der Domäne in vollem Umfange verlangten (21. Februar 1899)… Zwar konnte der Termin, den man für die Vereinigung ursprünglich festgesetzt hatte (1. Juli) nicht eingehalten werden, aber nachdem am 10. September S. Majestät die Vereinigung bewilligt hatte, konnte sie am 1. Oktober vollzogen werden. An diesem Tage, einem Sonntage, wurden auf dem Rathause die Beamten und Lehrer der Vorstädte für den Dienst in der Gesamt-Kommune verpflichtet und vom Magistrat die Verwaltung, Polizei u. s. w. übernommen. Zu der Gemeindevertretung (Stadtverordnete) treten aus der Bernburger Vorstadt vier, aus der Schloßvorstadt zwei und vom Amt Calbe ein Stadtverordneter zu denen aus der Stadt hinzu.“ (Hertel, Geschichte…, a. a. O., S. 64 f.)

Am 11. August und zwei Tage vor der feierlichen Vereinigung fanden Stadtverordnetensitzungen statt, auf denen nicht nur die energischen Vereinigungs-Aktivitäten des Bürgermeisters Mittelstaedt sowie des Stadtverordnetenvorstehers Rechtsanwalt Grobe besonders anerkannt und gewürdigt, sondern auch auf Anregung des Magistrats einstimmig beschlossen wurde, dem Förderer des Ganzen, dem Regierungspräsidenten von Arnstedt, das Ehrenbürgerrecht der Stadt Calbe zu verleihen.

Regierungspräsident von Arnstedt (Mitte) am Tag der Verleihung der Ehrenbürgerschaft vor dem Rathaus, von vorn gesehen rechts daneben Bürgermeister Mittelstaedt (nach: (Hertel, Geschichte…, a. a. O., Anhang)

 „Nachdem der Präsident am 3. Oktober eine Deputation, bestehend aus dem Bürgermeister Mittelstaedt, dem Stadtrat Schulze, den Stadtverordneten Grobe, Brückner und Bartels, empfangen hatte, die ihm den Beschluß der Stadtverordneten mitgeteilt hatten, wurde ihm in feierlicher Versammlung auf dem Rathause am 22. Oktober der Ehrenbürgerbrief überreicht. Daran schloß sich ein Festmahl auf der Loge und abends ein Fackelzug.“ (Ebenda, S. 66.)

Die neu entstehende Straße am westlichen Stadtrand, wo sich einst die „Neue Sorge“ befunden hatte (s. Abschn. 6), erhielt dem Vereinigungs-Promotor zu Ehren den Namen „Arnstedt-Straße“.

Die Vereinigung mit den weniger wohlhabenden Vorstädten hatte auch zur Folge, dass in der Kreisstadt das Potential der hauptsächlich in der Bernburger und in der Schlossvorstadt wohnenden Arbeiterschaft an Umfang zunahm. Für diese weniger vermögenden Bevölkerungsteile, die mit der Industrialisierung kontinuierlich wuchsen – aber nicht nur für sie -, wurden auch in Calbe ein Konsum-, ein Kredit- und ein Sterbekassenverein gegründet (vgl. Rocke, S. 62).

Schild der Calbeschen Sterbekasse

Haus des Konsumvereins Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts

1888 schlossen sich die in der Tuchindustrie tätigen Arbeiter zur Tuchmacher-Gesellen-Bruderschaft zusammen, und im gleichen Jahr wurde in Calbe ein Arbeiterbildungsverein gegründet (vgl. Schwachenwalde, Kleine Stadtgeschichte…, a. a. O., S. 10). Während des von Bismarck erlassenen so genannten Sozialistengesetzes nahmen auch die sozialdemokratisch orientierten Arbeiter und Kleingewerbetreibenden in Calbe am illegalen Kampf teil. So erging u. a. an die Königlichen Landräte und die ihnen untergeordneten Polizeiverwaltungen von der Königlichen Regierung Magdeburg folgender Observierungs-Befehl:

„Der Maurer L. Schönian zu Calbe/Saale, ein sehr tätiges Mitglied der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, hat nach eigenem Zugeständnis in Calbe/S.  und Umgegend sozialdemokratische Schriften verteilt. Schönian ist im Besitz eines Hausierergewerbescheins für das Jahr 1878 zum Handel mit Büchern, welchen er zwar pro 1879 angeblich nicht erneuern lassen will, sondern einen solchen zum Handel mit Erzeugnissen des Gartenbaues und der Landwirtschaft beantragt hat.

Da sich annehmen läßt, daß Schönian auch fernerhin Propaganda für die sozialistische Partei machen und daß er den Handel mit Schriften sozialdemokratischen Inhalts trotzdem fortsetzen wird, so machen wir hiermit auf denselben aufmerksam und beauftragen Eure Hochwohlgeboren, auf denselben durch die Gendarmen und die Ihnen anderweitig untergeordneten polizeilichen Organe vigilieren [beobachten, bespitzeln – D. H. S.], die bei ihm sich vorfindenden Schriften resp. Bücher, welche auf die Sozialdemokratie Bezug haben, mit Beschlag belegen zu lassen und im Übertretungsfalle das sonst Erforderliche  nach Maßgabe des Gesetzes vom 21. vorigen Monats, betreffend die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie, gegen den Schönian einzuleiten, auch hierher sofort zu berichten.“ (Staatsarchiv [Landesarchiv] Magdeburg, Rep. C 30 Jerichow I A Nr. 31, zitiert nach: Asmus, Steinmetz, Tullner, Quellensammlung…, a. a. O., S. 40.)

Louis Schönian, von Beruf Maurer und nebenbei Wanderhändler, war Delegierter des historischen Vereinigungsparteitages 1875 in Gotha und organisierte vor dem Sozialistengesetz in Calbe zahlreiche  sozialdemokratische Volksversammlungen, wo unter anderen auch der sozialdemokratische Reichstags-Kandidat und Mitbegründer der „Magdeburger Freien Presse“ August Zwiebler sprach (vgl. www.uni-magdeburg.de/mbl/Biografien/0012.htm)

In der Gastwirtschaft bei Hase in der Schlossvorstadt versammelten sich in dieser Zeit die Maurer von Calbe zu politischen Meetings, die als gesellige Bier-Abende getarnt waren.

Während bei den ersten Reichstagswahlen 1871 der sozialdemokratische Kandidat August Bebel im Wahlkreis Calbe–Aschersleben nur eine Stimme erhielt (s. oben), siegten im gleichen Wahlkreis 1890 die Sozialdemokraten. In diesem Jahr hatte die Sozialistische Arbeiterpartei im ganzen Reich die Zahl ihrer Wählerstimmen mehr als verdreifacht und war damit, neu formiert als Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), stärkste Wählerpartei im Deutschen Reich. Das Sozialistengesetz kam zu Fall, und Bismarck musste abdanken.

Wegen schlechter Arbeitsbedingungen streikten 1890 die Bergarbeiter der Grube „Alfred“.

Nach dem Fall des Sozialistengesetzes ging es mit der Sozialdemokratie auch in Calbe rasch aufwärts: 1895 wurde eine Ortsgruppe der SPD gegründet, 1905 kam trotz des Dreiklassen-Wahlrechtes ein SPD-Abgeordneter ins Stadtparlament, der Zigarrenhersteller August Engler, und 1911 waren von 28 Stadtverordneten 13 Abgeordnete der SPD (46,4%). Seit 1898